Hörsaal entdeckt

Hörsaal entdeckt

Arzenheimer . Veröffentlicht in Wissenschaft 961 Views Keine Kommentare

Vier Jahre irrte Kevin M. orientierungslos in der Uni umher.Mit weit aufgerissenen Augen, staunend, ja nahezu in einer Anbetungshaltung verharrend stand der junge Mann inmitten des Raums, der sein Leben von nun an verändern sollte. Kevin M. hatte soeben eine Entdeckung gemacht, die er kaum noch für möglich gehalten hatte. Der 23-jährige Student aus einem kleinen Dorf im Landkreis Eichstätt wurde von seinen Gefühlen überwältigt, als er nach sage und schreibe vier langen Jahren nun endlich den Hörsaal gefunden hatte, in dem seine Vorlesung stattfinden sollte. „Ich hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben,“ schluchzte er. „Doch meine Mama hat mich immer ermutigt und gesagt: Bua, du schaffst das schon.“ Vier Jahre lang war er beinahe täglich nach Eichstätt gefahren, wo er an der örtlichen Universität ein Pädagogik-Studium beginnen wollte. Doch bereits bei der Suche nach einem Parkplatz schlug das Schicksal gnadenlos zu. Immer, wenn er am frühen Morgen gegen 10.30 Uhr den gefährlichen Weg von der Jurahöhe hinunter ins Tal bewältigt hatte, waren sämtliche Stellplätze belegt. Sogenannte Kommilitonen, aber auch Lehrkörper hatten ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen alles, was auch nur das Stellplatz aussah, zu geparkt. Kevin sah sich schließlich gezwungen, bereits zu unmenschlichen Urzeiten gegen 9 Uhr nach Eichstätt aufzubrechen.

Durch diese extreme Umstellung seines Biorhythmus gelang es ihm schließlich, einen Parkplatz zu ergattern. Doch dann nahm das eigentliche Drama seinen Lauf. Tag für Tag irrte er durch die Gänge der Universität, vorbei an Hörsälen und Kaffeeautomaten, und doch fand er das Ziel nicht. Diese post abiturielle Orientierungslosigkeit sei keine Seltenheit, meint Verhaltensforscher Pascal Haltlos. „Wenn die Schüler sich auf einmal selbst überlassen werden und die eigenen Eltern vielleicht sogar so unverschämt sind, den Sprößling nicht überall hin zu begleiten, dann ist ein junger Mensch schnell überfordert.“ Haltlos fordert deshalb spezielle Orientierungswochen zum Semesterstart an den Universitäten und eine bessere Ausschilderung der einzelnen Räumlichkeiten. „Heutzutage wäre außerdem eine App das Mindeste, die den jungen Menschen den richtigen Weg weist.“ Kevin M. Ist jedenfalls glücklich, dass sein jahrelanger Irrweg nun zu Ende ist. Allerdings findet die Vorlesung, die er vor vier Jahren hätte besuchen sollen, nun in einem anderen Raum an einem anderen Ort statt. Das haben wir ihm aber noch nicht verraten.

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