Neuburgs Renaissance eine Erfindung?

Neuburgs Renaissance eine Erfindung?

Arzenheimer . Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur 762 Views Keine Kommentare

Pfalzgraf Ottheinrich ist eine Schöpfung von Conan Doyle.

Er ist bekannt für die Erfindung von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Doch der britische Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle könnte ein wahres Kunststück abgeliefert haben, das eigentlich niemals hätte entdeckt werden sollen. Ein Meisterwerk der Fälschung, das seinem Sherlock Holmes sicherlich gefallen hätte: der Neuburger Pfalzgraf Ottheinrich ist eine Erfindung des Briten! Den Beweis für diese zunächst sehr abstruse These liefert der Literaturwissenschaftler Hanns von Kleve, der bei den Nachforschungen über seine berühmte Urahnin Anna von Kleve der Sensation zufällig auf die Spur gekommen ist. „Ich hatte mich intensiv mit dem Leben Heinrichs VIII. von England, dem Ehemann von Anna von Kleve befasst, als ich in einem Archiv in London einige Notizen von Sir Arthur Conan Doyle in einer Heinrich-Biographie gefunden habe“, erzählt Hanns von Kleve. „Da stand, nur schwer leserlich hin gekritzelt, zum Beispiel `hervorragende Konfliktsituation` oder ´zu blutrünstig – weg lassen´.“ Hat der Autor aus Heinrich VIII. einfach den Pfalzgrafen Ottheinrich gemacht? Ein Vergleich der beiden Herrscher legt diesen Verdacht durchaus nahe.

Zwei gewichtige Heinrichs

Beide Männer haben im 16. Jahrhundert gelebt, beide tragen den Namen Heinrich und sind beinahe gleich alt geworden (Heinrich VIII. wurde 55 Jahre und starb 1547, Ottheinrich wurde 56 Jahre und starb 1559) und beide haben im Lauf ihres Lebens an Leibesfülle extrem zugelegt. Heinrich von England wog bei seinem Tod 160 Kilogramm, sein Bett musste mit Holzbalken verstärkt werden, um seine Last zu tragen. Noch mehr Gewicht brachte Pfalzgraf Ottheinrich auf die Waage, er soll bei seinem Tod sogar 200 Kilo gewogen haben. Das könnte darauf hindeuten, dass Conan Doyle durch die literarische Gewichtszunahme seiner Kunstfigur Ottheinrich eine zusätzliche Dramatisierung der Todesumstände erreichen wollte.

OttheinrichHeinrich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ärger mit der katholischen Kirche

Womöglich hat sich Sir Arthur Conan Doyle auch den Konflikt Heinrichs VIII. mit dem Papst zum Vorbild für die Erschaffung von Ottheinrich gemacht. Der englische König wurde bekanntlich exkommuniziert und war fortan der Chef über seine eigene Kirche, der neu gegründeten anglikanische Staatskirche. Und so hat auch der literarische Heinrich, also Ottheinrich, seine Probleme mit den Katholiken. Der Schriftsteller lässt ihn zum protestantischen Glauben übertreten. Dass Conan Doyle seinen Ottheinrich ausgerechnet in Neuburg an der Donau angesiedelt hat, liegt daran, dass sich der Autor einen exotischen Ort für seine Geschichte gewünscht hatte. Und weil weit vorher schon Schriftstellerkollegin Mary Shelley ihren Frankenstein nach Ingolstadt verlegt hatte, wollte Doyle seine Geschichte als Verehrer Shelleys einfach in der Nachbarschaft ansiedeln. Lediglich beim „Frauenverschleiß“ wollte der Autor nicht dem Vorbild von Heinrich VIII. folgen. Aus der Sicht eines modernen, aufgeklärten Schriftstellers erschien ihm das Bild eines Mannes, der Ehen gerne mal durch Hinrichtungen beendet, für zu mittelalterlich. Obwohl Heinrich VIII. als der Prototyp des Renaissance-Fürsten gilt. Wie übrigens auch – welche Überraschung – Pfalzgraf Ottheinrich.

Bürgerbegehren geplant

Wenn der berühmte Neuburger Pfalzgraf eine Fälschung ist, was ist dann überhaupt noch wahr? Das zu untersuchen ist derzeit die Aufgabe einer Expertenkommission, die unter anderem die Baupläne des Neuburger Schlosses mit Unterlagen aus dem Archiv Walt Disneys vergleicht. Und das Neuburger Schlossfest könnte im wahrsten Sinne des Wortes auf wackeligen Beinen stehen. Es hat sich bereits eine „Bürgerinitiative gegen Geschichtsfälschung“ gegründet, die gerade Unterschriften für die Abschaffung des Schlossfestes sammelt. Der Versuch, ausgerechnet beim Schlossfest Stimmen zu fangen, endete für einige Mitglieder allerdings mit wüsten Beschimpfungen und sogar einer Platzwunde. Man darf gespannt sein, wie viel von der Renaissance-Fassade Neuburgs noch bröckelt.

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